Die Akte Vosskamp
Ein Mordfall? Ein Unfall? Oder ein Netz aus fiktiver Intrige im Herzen von Castrop-Rauxel? Begleiten Sie Olli Malinowski, den „Sheriff von Castrop“, auf seiner Spurensuche durch Rathausflure, alte Akten und die lokalen Kneipen.
„Castrop-Rauxel: eine Stadt, in der man sich kennt – und trotzdem niemand etwas gesehen hat.“
Als Martin Vosskamp nach einem Neujahrsempfang tot am Fuß einer Treppe bei der Europahalle liegt, sieht zunächst alles nach einem Unfall aus. Olli Malinowski, der „Sheriff von Castrop“, hat da allerdings so ein Gefühl.
Seine Kollegin Sarah Nowak hält sich lieber an Fakten. Gemeinsam folgen sie den Spuren durch Rathausflure und alte Akten – und in eine Kneipe, in der Informationen selten ohne Bier ausgeschenkt werden.
Dabei stellt Olli fest, dass selbst ein Mann, der seine Stadt seit Jahrzehnten zu kennen glaubt, etwas Entscheidendes übersehen kann.
Kapitel 1: Ausgezeichnet
Ausgezeichnet
Der Anzug hing seit drei Tagen an der Schranktür, und Olli Malinowski hatte ihn in dieser Zeit ungefähr genauso oft angesehen wie sein Fitnessgerät im Keller, also gar nicht.
Jetzt musste er da rein.
Er stand vor dem Spiegel im Schlafzimmer, das Hemd noch offen, und betrachtete sich mit dem wohlwollenden Blick eines Mannes, der sich selbst seit Jahren erfolgreich nicht so sah, wie er war. Für sein Alter, fand er, ganz gut in Schuss. Andere Männer über fünfzig ließen sich gehen. Olli ließ sich höchstens setzen, wenn ein Stuhl in der Nähe war.
„Kriegst du den zu?“, rief Birgit aus dem Bad.
„Was?“
„Den Knopf. Oben.“
„Welchen Knopf?“
„Den, an dem du gerade ziehst.“
Olli zog nicht. Olli hielt den Hemdkragen lediglich in einer Position, aus der heraus ein Knopf theoretisch geschlossen werden könnte, wenn man denn wollte, und wenn der Kragen mitspielte, was er nicht tat.
„Der ist eingelaufen“, sagte er.
„Das Hemd ist zwei Jahre alt.“
„Dann eben zwei Jahre eingelaufen.“
Birgit kam aus dem Bad, halb fertig frisiert, einen Ohrring noch in der Hand, und musterte ihn auf jene Art, die dreißig Ehejahre in einen einzigen Blick pressen konnte. Es war kein böser Blick. Es war der Blick einer Frau, die genau wusste, dass sie diesen Mann gleich in die Öffentlichkeit führen würde, und die diese Öffentlichkeit vorsorglich schon ein bisschen um Nachsicht bat.
„Lass den obersten offen“, sagte sie. „Mit Krawatte sieht das keiner.“
„Ich seh das.“
„Du zählst nicht.“
Sie steckte ihm den Ohrring in die Hand, damit er ihn hielt, und begann, ihm die Krawatte zu binden, weil das schneller ging, als ihm zuzusehen. Olli ließ es geschehen. Er ließ vieles geschehen, was Birgit betraf. Das war, wenn man ihn Jahre später gefragt hätte, ungefähr das Klügste, was er in seinem Leben getan hatte, auch wenn er es nie so formulierte...
lebt in Castrop-Rauxel. Er arbeitet als Lehrer und ist seit vielen Jahren kommunalpolitisch und ehrenamtlich engagiert. Als Gründer und Redaktionsleiter von CASNews beschäftigt er sich täglich mit den Geschichten und Eigenheiten der Stadt.
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